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Jenseits von Angst und Ablehnung – Ein systemisch-integraler Blick auf den politischen Rechtsruck

  • Autorenbild: Caroline Winning
    Caroline Winning
  • 27. Feb.
  • 5 Min. Lesezeit

Ich bin derzeit auf La Palma und begegnete heute beim Frühstück einem Paar aus Berlin. Nach kurzem Smalltalk waren wir schnell bei den Wahlergebnissen und die Frau fragte mit leicht verzagtem Unterton, wie dem aktuellen politischen Geschehen zu begegnen sei. „Wenn so einer wie Höcke Kanzler würde…“, flüsterte sie mit ratlosem Blick. Es ist ein inneres wie äußeres Ringen, welches uns seit Entstehung der AfD begleitet. Gegenbewegungen wie angestrebte Ausschlussverfahren, Massendemonstrationen gegen Rechts oder die zahllosen Versuche, geneigte Wähler:innen mit guten Argumenten von ihrer Wahl abzubringen, pflastern die letzten Jahre.

Nun ist der Wahlsonntag rum und ein Großteil der Menschen in Deutschland haben CDU/CSU und/oder AFD gewählt. Fast 50% an Menschen, die sich entweder aus Gewohnheit („Das haben wir schon immer so gemacht“), aus Sorge, Frust oder auch aus blankem Hass für eine erzkonservativ bis rechtsgerichtete Politik entschieden haben, auch wenn sie sich selbst mitunter als liberal und weltoffen bezeichnen. Dieser Realität gilt es ins Auge zu sehen und so sehr eine drohende Zukunft mit einem Kanzler Höcke auch am Horizont aufziehen mag, so sehr wäre es falsch, dieser Angst und der Ablehnung als ihrer Begleiterscheinung nachzugehen.


Zur Klärung an dieser Stelle: nein, ich will ebenfalls keine nationalistische, faschistische oder gar rechtsextreme Regierung für dieses Land. Weit entfernt davon.

Es greift jedoch zu kurz und hat es immer getan, die AFD und ihre Anhängerschaft zu verteufeln und am Schlafittchen von der Bühne zerren zu wollen. So sehr das Eingeständnis schmerzen mag: ausgrenzenden, menschenverachtenden Populismus, Frust, Ärger und rigorosen Widerstand gegen humanistische und demokratische Werte und Tugenden werden wir nicht los wie einen Blinddarm, den man bei Bedrohungslage einfach rausschneidet.

Vielmehr stünde uns eine systemisch-integrale Betrachtung der derzeitigen gesellschaftspolitischen Bewegungen gut zu Gesicht. Noch wäre Zeit dafür, bevor wir den Gang wechseln und entschieden Einhalt dagegen gebieten müssten. Daher lohnt an dieser Stelle eine Differenzierung:

Ich richte bei dieser Betrachtung meinen Blick vor allem auf diejenigen AfD-Wähler:innen, die aus Unmut, Resignation oder einer letzten Hoffnung, ihre Lebensrealität möge sich tatsächlich verbessern, diese Partei wählen. Gegenüber Personen, die vorsätzlich und auf Basis einer menschenverachtenden Ideologie anderen Schaden zufügen, sollten wir bereits heute alle zur Verfügung stehenden rechtsstaatlichen Mittel wie auch ein bekennendes „NEIN!“ einsetzen. Es gilt, in konsequenter Manier jegliche Gewalttaten zu ahnden und Verantwortungsübernahme einzufordern.

Zurück zu jenen, die Gewalt ablehnen und dennoch schwarz-blau präferieren.


Systemisch gesehen leitet uns die Frage, worauf uns das aktuelle Problem aufmerksam machen will. Wir wissen heute um die Wechselwirkungen und Zusammenhänge, die das Leben an sich ausmacht. Weder führt allein A zu B, noch gibt es einen einzigen Grund für B bzw. die AfD. Die Sache ist schwieriger als gehofft und stellt damit eine interessante Lernaufgabe dar. In Teams hilft die systemische Brille zu erkennen, wofür das Problem ein entwicklungsförderlicher Hinweis sein kann. Wird bspw. die mangelnde Motivation der Mitarbeiter:innen beklagt, hilft der umfassende Blick aufs Ganze, sich nicht nur einen, sondern die oft vielfältigen Faktoren zu sehen, die die schlechte Stimmung hervorrufen. Vielleicht übt die Führungskraft zu viel Mikromanagement aus. Oder die Bezahlung stimmt nicht bei wachsender Belastung. Vielleicht fehlt es an einem WIR-Gefühl in Folge einer Umstrukturierung. Die Liste ließe sich lang fortsetzen und macht deutlich: einfache Antworten sind hier fehl am Platz. Die Mischung macht’s. Und das Beste: die mangelnde Motivation kann als einmalige Gelegenheit verstanden werden, das ungenutzte Potential des Systems „Team“ aufzuspüren.


Ja, es gibt sie auch, die stadtbekannten Dauermotzer, die ewig Unzufriedenen. Diejenigen, die sich in ihrem Jammern bequem eingerichtet haben - auch, weil sie kaum Anderes aus ihrem Leben kennen. Was eine Tragik an sich besitzt. Hier geht es darum, zu sagen, wann genug gemeckert worden ist und den Perspektivwechsel einzuleiten: Stell dir mal vor, ich würde mich die ganze Zeit nur beschweren, was wäre das für dich? Fundamentale Einsicht oder gar Änderung ihrer Einstellungen ist hier kaum zu bewirken oder braucht einen sehr langen, schmerzhaften Lebensweg. Das lehrt uns die Entwicklungspsychologie, der die Integrale Theorie ihre Darstellung menschlicher Entwicklung entnommen hat.

Vor ihrem Hintergrund ist es wichtig zu verstehen, dass wir mit Rassismus solange zu tun haben werden, wie es Menschen geben wird. Im Alter zwischen zwischen 6 und 12 Jahren treten wir in unserer individuellen Entwicklung in eine Phase ein, in denen es für den jungen Menschen essentiell ist, sich von „den Anderen“ zu unterscheiden und damit eine Trennung in „ich“ versus „die“ zu schaffen. Diese Denke kann auch im fortschreitenden Alter bleiben, denn: Alter schützt vor Dummheit nicht. Die Tendenzen zur Ausgrenzung anderer verlaufen zumeist jedoch auf sozial akzeptierte Weise ab: mein Fußballverein gegen deinen. Meine Klasse versus deine. Meine Peergroup statt deiner. Lassen wir uns jedoch sehr von Instinkten leiten, artet das Othering oft in gewalttätige Unterdrückung oder Bekämpfung des Fremden, Anderen aus und der rechtsradikale Täter ist geboren.

Daher haben wir vor dem Hintergrund der integralen Theorie mit ihren Entwicklungsebenen anzuerkennen, dass Rassismus an sich keine Entartung des menschlichen Geistes, sondern eine entwicklungsbedingte Gegebenheit ist. Teilen viele Menschen zudem diese Weltsicht, da sich ihr Bewusstseinsschwerpunkt dort eingependelt hat, sorgt die kollektive Sichtweise dafür, dass Rassismus auch strukturell gelebt wird und rechtsextreme Täter geschützt werden.

Somit ist ein Björn Höcke oder jemand, der seine Ansicht teilt, nicht so einfach aus der Welt zu räumen, auch wenn wir die Aussagen und Taten einer AfD als rückwärtsgewandt, primitiv und demokratiefeindlich erleben.

Nun ist unsere Gesellschaft leider kein Team. Dennoch wirken ähnliche systemische wie integrale Dynamiken - nur in XXL - in ihr, die es gilt anzuerkennen und fruchtbar zu machen.

Was uns jedoch häufig davon abhält, den Blick auf rechtmäßige Entwicklungsbedürfnisse und systemische Entwicklungsfelder zu richten, indem wir ernsthaft nach den Gründen für die immer stärker werdende Frustration weiter Bevölkerungsteile fragen und sie nicht einfach als dummdreist abstempeln, ist unser Schatten. Der Schatten als tiefsitzende, unbewusste Angst in jedem von uns, die wir so gern auf andere projizieren, da wir selbst allzu gern mit lupenreiner Weste da stehen wollen und dabei nicht merken, dass auch wir die Fähigkeit in uns tragen, anderen feindlich und intolerant gegenüberzustehen, weil sie anders sind. Dazu gesellt sich die Angst, selbst ausgegrenzt oder gar vernichtet zu werden, weil man nicht dazu gehört. Je weniger uns diese Ängste bewusst sind, desto leichter geraten wir in Wallung, wenn sie bei anderen bemerken oder gar nur vermuten. Wir lassen uns „triggern“, wenn eine verdrängte Seite sich allzu mächtig im Gegenüber zeigt und wollen bekämpfen, was nicht sein kann. Also sind wir gegen Rechts, gegen die AfD, schlicht gegen alles, was nur milde nach Ausgrenzung riecht und missverstehen, dass wir den Kampf eigentlich die ganze Zeit gegen uns selbst führen. Unser Schatten reibt sich dabei genüsslich die Hände, wächst er doch umso mehr, je weniger wir ihn zu uns nehmen wollen und können.



Sicherlich reicht Schattenarbeit nicht allein, um das Ruder herumzureißen und unsere Gesellschaft wieder auf liberalere, humanistischere Füße zu stellen. Aber sie wäre ein guter Anfang, ist sie doch der Türöffner zu echtem Interesse am Gegenüber. Selbst wenn er oder sie in meinen Augen eine bekloppte politische Ansicht besitzt.

Kollektive Schattenarbeit wäre ein zweiter, wesentlicher Schritt, der darin bestünde, die unter den Teppich gekehrten Verfehlungen der Vergangenheit ehrlich anzuschauen und die Verantwortung für millionenfaches Leid klar zu benennen - seitens derjenigen, die in ihren Rollen Repräsentanz unserer Bevölkerung übernommen haben. Ob durch die Wende, durch die Coronazeit oder auch heute noch durch das, was im und nach dem 2. Weltkrieg an Traumata geschehen ist, muss noch viel mehr gesprochen und geweint werden als es bislang erfolgt ist.

Schließlich knüpft das Letztgenannte an den stetigen Versuch an, im Zuhören und Reden neue Brücken zueinander zu schlagen. Ob in Formaten wie von „Mehr Demokratie e.V.“ oder ganz kleinen Runden am Stammtisch oder selbst im Teammeeting - ein offenes Ohr und eine wertschätzende Anerkennung für Mühsal und erfahrenes Leid sollte es überall geben. So können nicht nur Brücken gebaut, sondern auch Räume der Zugehörigkeit geschaffen werden, denn schließlich sind es vor allem diese, die für eine humanere Gesellschaft sorgen.


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